Werkbiografie

 

 

 

 

Oswald Hiery 1994

 

Das Werk im öffentlichen Raum des Bildhauers Oswald Hiery vereint ikonografische Elemente aus allen Schaffensphasen zu einer gestischen Bildsprache. RĂŒckblickend scheint kein Element verloren gegangen, keines ersetzbar zu sein.

FĂŒr den Beobachter der Chronologie seiner Werke lassen sich aber einzelne Wachstumsstufen unterscheiden. Sie sind als kĂŒnstlerische Entwicklungsphasen beschreibbar.

 

Lehre und frĂŒhes kĂŒnstlerisches Wollen

Bereits wĂ€hrend seines Studiums in den Jahren 1955 bis 1957 an der Werkkunstschule SaarbrĂŒcken bei den Professoren Theo Siegle und Oskar Holweck befasst sich Oswald Hiery mit der expressiv abstrahierenden Gestaltung von Tierplastiken. Er verfolgt dieses Thema auch wĂ€hrend eines Studiums an der Koninklijke Academie voor Schone Kunsten in Antwerpen bei den Professoren Henri Puvrez und Mark Macken. Dort wird ihm im Jahre 1958 fĂŒr seine Tierfiguren der Rembrandt-Bugatti-Preis verliehen.

WĂ€hrend der Fortsetzung seiner Studien an der Werkkunstschule SaarbrĂŒcken in den Jahren 1959-1960 bei den Professoren Theo Siegle und Oskar Holweck setzt er die BeschĂ€ftigung mit der Fauna neben AuftrĂ€gen fĂŒr den sakralen Bereich (Portalgestaltung, Altar, Taufbecken) fort. Parallel entsteht die Brunnenplastik Abwehr aus dem Jahre 1963 mit narrativer Note, bei dem der FlĂŒssigkeit die aktive Rolle zukommt. Hier ist bereits deutlich die Absicht erkennbar, das Werk mit Bezug zur Umwelt schöpferisch zu beleben, den Eigensinn des Themas Ă€sthetisch ins Werk einzuschließen und diesem Sinn kompositorisch Dauer zu verleihen.

 

Beginn der floralen Phase in Florenz

Im Jahre 1963 schreibt Oswald Hiery sich an der Accademia di Belle Arti in Florenz bei Professor Antonio Berti ein. Diese Zeit im noch heute renaissancegeprÀgten Florenz ist neben der Befassung mit der menschlichen Figur (Aktzeichnen und Figurinen) thematisch bestimmt durch die Hinwendung auch zu floralen Motiven. Hier entstehen plastische Blumen- und OlivenwÀlder in Ton, Marmor und Gips. In der Folgezeit entstehen aus dieser Befassung mit der Genstruktur des Floralen zahlreiche Werke. Als Beispiele mögen die Brunnenplastiken auf dem Homburger Campus des UniversitÀtsklinikum des Saarlandes stehen, Brunnen, 1965 und BrunnenBaum, 1966, beide in Bronze.

 

Die anthropogene Wende

Hier, auf dem Homburger Campus des UniversitĂ€tsklinikums des Saarlandes, findet sich auch das Kernsymbol fĂŒr die zeitlich parallel verlaufende anthropogene Wende zur menschlichen Figur. Im Anschluss an die Florentiner Zeit, entstehen Carla, eine kleinkindgroße Bronzeplastik aus dem Jahre 1965 und die Homburger Plastik Menschenpaar, errichtet im Jahre 1970, zwei weit ĂŒberlebensgroße Figuren, in Aluminium gegossen. Hierzu zĂ€hlt auch das Mahnmal in Bronze auf dem Friedhof in Reimsbach. Es zeigt eine Plastik mit drei Figuren aus dem Jahre 1977, ebenfalls weit ĂŒberlebensgroß. Diese Figurenkomposition spiegelt die zeitlos schutzbedĂŒrftige KreatĂŒrlichkeit einer conditio humana – auch und gerade in ihren zeitgenössischen Erscheinungsformen.

Die Doppelthematik von floralen und anthropogenen Motiven prĂ€gt Oswald Hierys Schaffen auch in den Folgejahren. Sie lĂ€sst sich als ein aufeinander bezogenes und deshalb ergĂ€nzendes Gegensatzpaar ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum hinweg beobachten. So schafft er im Jahre 1974  ein florales Symbol fĂŒr den genetischen Code, Flieger oder Genspirale aus dem Jahre 1974.

Bereits im Mahnmal aus dem Jahre 1977 wird ein ikonisches Element sichtbar, das im kĂŒnstlerischen Werk von Oswald Hiery eine immer formprĂ€gendere Rolle einnehmen und als beispielhaftes syntaktisches Element seiner Ästhetik in seinem Schaffen ĂŒber seinen symbolischen Charakter hinaus zunehmend an Bedeutung gewinnen soll: Das ist der Helm der rechten stehenden Figur. In diesem Mahnmal wird er zum Symbol fĂŒr Gefahr schlechthin. Er verstĂ€rkt hier den Eindruck der Hilf- und Schutzlosigkeit gegenĂŒber der Leiderfahrung, der die Figuren ausgesetzt sind. Im Angesicht der nackten leidenden Körper wird dem Betrachter die GefĂ€hrdung durch Verletzung und Tod sinnlich anschaubar. Wie im Mahnmal begegnet uns auch in der Plastik American Football aus dem Jahre 1978, der homo ludens, der Mensch im Spiel, den die Technik, hier die Sport- oder Bekleidungstechnik, optimal zu Aktionen mit hohem Aggressionspotential zu befĂ€higen scheint.

 

Mensch, Technik und Wissenschaft

Die Verbindung von technischen Accessoires und menschlicher Figur bricht das bloß FigĂŒrliche der Darstellung und lĂ€sst die Plastiken dadurch zu sinnstiftenden Bedeutungssymbolen mutieren – zu Symbolen eines reflexiven und aufgeklĂ€rten Bewusstseins, das die GefĂ€hrdung der menschlichen Existenz unter dem zeitgenössischen Primat von Technologie und Wirtschaft kritisch zur Kenntnis genommen hat. Diese Symbolik wird besonders deutlich an der Plastik Automedon aus dem Jahre 1993, dem Urbild des Wagenlenkers aus der griechischen Mythologie, der seinen Wagen durch die sozialen Ambivalenzen des menschlichen Erfindungsgeistes zu steuern versucht. Aber sie atmet nicht den mythologischen Geist des Namengebers, sondern den der aufgeklĂ€rten Zeitgenossenschaft. Die Plastik ist zwischen dem Deutschen Forschungszentrum fĂŒr KĂŒnstliche Intelligenz und dem Institut fĂŒr Neue Materialien auf dem Campus der UniversitĂ€t SaarbrĂŒcken deshalb gut positioniert. Entsprechendes gilt fĂŒr die Quadratur des Kreises, aus dem Jahre 2002. Gekleidet in die Gestalt der noblesse du robe zeigt die Plastik eine balancierende Figur auf hohem Sockel im schĂŒtzenden Gatter des Entscheidungsraums. In den seitlich ausgestreckten HĂ€nden, die mit dem Entscheidungsraum fest verbunden sind, hĂ€lt sie Kubus und Kugel. In dieser Figur könnte sich das staatliche Problem einer Entscheidung ĂŒber die Verwendung öffentlicher Mittel als unlösbare Quadratur des Kreises symbolisieren. Auch fĂŒr die Studierenden an der Hochschule fĂŒr Technik und Wirtschaft des Saarlandes in SaarbrĂŒcken ist der Standort passend gewĂ€hlt.

 

Der in den unterschiedlichen Schaffensphasen sorgfĂ€ltig entwickelte und angewandte Formenreichtum zu den Themen Tier, Pflanze und Mensch erscheint rĂŒckbesinnend als die sowohl inhaltliche wie auch formale Basis fĂŒr die kritische Einbeziehung von Technik und Wissenschaft, denen sie, die ‚Natur‘, als Tier, als Pflanze und als Mensch, trotz aller humanen Fortschritte auch ausgeliefert zu sein scheint. Die bildhauerische Umsetzung solcher gesellschaftlicher und human-ökologischer Kontexte setzt eine kritische RĂŒckbesinnung auf die zeitgenössische Gegenwart voraus, deren Ă€sthetische Gestalt sich bei Oswald Hiery als kritischer und konstruktiver Realismus der reflexiven Moderne beschreiben lĂ€sst.