Abwehr

1963, öffentlich aufgestellt 1963
1,8 m x 1,5 m
Bronzeguss
Gesundheitsamt des Landkreises Saarlouis, Choisyring 5, 66740 Saarlouis

Im parkĂ€hnlichen Innenhof des Gesundheitsamtes, architektonisch und floral stimmig eingerahmt und durch den Haupteingang hindurch gut sichtbar, verrichtet seit dem Jahre 1963 die Brunnenplastik Abwehr ihr dynamisches Werk. Die physikalischen und die metaphorischen AktivitĂ€ten, die dieses Werk veranschaulicht und versinnbildlicht, schöpfen aus einer rĂ€umlichen Beziehung besonderer Art. Auf den beiden Querseiten des Wasserbeckens stehen sich eine charaktervolle SpritzdĂŒse und eine beschirmte Figurinengruppe wechselwirkend gegenĂŒber. Diese GegenSeitigkeit wird bei spritzendem Wasser nicht nur veranschaulicht, sondern sie ist auch das symbolische Thema der Plastik: Eine angreifende biomorphe Gestalt gegen eine abwehrende figurative Gruppe mit Schutzschild.

Auf der einen Seite des Brunnenbeckens, aus dem Ă€ußeren Rand des Wasserbeckens, ragt auf einem krĂ€ftigen, baumstammĂ€hnlichen ‚Hals’ ein nach oben und in den Brunnen hinein geneigter Kopf. Aus ihm stechen aus drei augenĂ€hnlichen AusstĂŒlpungen drei SpritzdĂŒsen hervor. Die nach oben geneigte plastische Form mit diesen ’sehenden‘ wasserfĂŒhrenden DĂŒsen wirkt wie der Kopf einer angriffsbereiten Fantasiegestalt. Sie hat eine Form im Zwischenbereich von Tier und Pflanze. Sie behauptet ihre aggressive Gegenwart durchaus kraftstrotzend und furchteinflĂ¶ĂŸend.

Auf der anderen Seite, auf dem gegenĂŒber liegenden Rand des Beckens, drĂ€ngt sich eine Figurinengruppe, auf einem niedrigen Stufensockel ĂŒber den Beckenrand ragend, hinter einem Schutzschild mit einem ganz wuchtig dimensionierten eigenstĂ€ndigen Korpus. Hinter ihm drĂ€ngen sich vier einzelne Figuren zu einem GruppenknĂ€ul zusammen, schutzsuchend und mit seitlich gewendetem Kopf zur Gefahrenabwehr. Sie bilden eine zeitlich befristete Gemeinschaft, sie drĂ€ngen sich solidarisch zusammen, sie suchen den Schutz der Gruppe unter dem Schild. Entsprechend sind sie als Einzelpersonen gestalterisch nicht durchgebildet und unterscheidbar, sondern figurativ formal vereinfacht, reduziert auf das gemeinsame BedĂŒrfnis, das sie fĂŒr den Augenblick verbindet. Dieses BedĂŒrfnis schweisst die Figurengruppe zum Block. Aber sie sucht einen doppelten Schutz, den in der Gruppe und den hinter dem Schirm. Dieser Schirm hat das Aussehen einer ĂŒbergroßen, schĂŒsselartigen und ausgefranster Rechteckform. Auf sie treffen mehrstrahlig die Wasserpfeile aus dem Kopf mit den drei Spritzaugen, werden von hier aus aber in das Brunnenbecken abgeleitet. Der Personenschutz scheint gewĂ€hrleistet. Aber aus der SchĂŒsselinnenseite quillt eine biomorphe Textur aus knotenĂ€hnlichen AuswĂŒchsen, Verdickungen, Pusteln oder WĂŒlsten – als Reaktionen oder Verletzungen der angegriffenen, der ‚inneren’ Haut der Schutzsuchenden hinter dem Schild1?

Jetzt wird der Sinnbezug zum Aufstellungsort der Plastik Abwehr im Park des Gesundheitsamtes des Landkreises Saarlouis deutlich, den man verbal als das bezeichnen könnte, was die Plastik zeigt: Schutzsuchen und Abwehr. Insofern lĂ€sst sich sagen, Oswald „Hiery versinnbildlicht in dieser Darstellung die Aufgabe des Gesundheitsamtes, Gefahren durch gefĂ€hrliche und epidemische Krankheitserreger von der Bevölkerung abzuwehren“2.

Die Plastik Abwehr aus dem Jahre 1963 ist ein FrĂŒhwerk des KĂŒnstlers und unter seinen Werken im öffentlichen Raum das vierte in zeitlicher Reihenfolge3. RĂŒckblickend zeigt sich hier in AnsĂ€tzen der Formenreichtum der Plastiken von Oswald Hiery, der bereits deutlich in Beziehung gesetzt ist zur Ă€sthetischen Sinnstiftung durch den Ortsbezug. Diese drei Elemente – Form, Sinnstiftung, Ortsbezug – bleiben ein durchgĂ€ngiges Schaffensprinzip im kĂŒnstlerischen Werk fĂŒr den öffentlichen Raum von Oswald Hiery. Werkbiografisch und aus ikonografischer Sicht gesehen ist die Plastik Abwehr eine FrĂŒhform der beginnenden floralen Phase der Florentiner Zeit4. Die gestalterische Leitidee ist hier noch nicht Figur, wie dann bei Carla aus der unmittelbaren nachflorentiner Zeit zwei Jahre spĂ€ter (1965)5, sondern eher ein biomorpher oder floraler Formwille. Dieser gestaltet vor allem das Sinnbildhafte des Themas: ‚Abwehr und Schutz’. Die Plastik Abwehr steht zugleich am Beginn einer Reihe von Plastiken mit dichter und lustvoller werdender narrativer Struktur und mit beibehaltenem und ausgebautem Bezug zur sinnbildhaften Gestaltung. Aus der SpĂ€tzeit sind in diesem Zusammenhang zu nennen: Automedon (1993), Die BĂŒrger von Riegelsberg (1995) und Quadratur des Kreises (2002). Die Lust des Bildhauers Oswald Hiery am Narrativen zeigt sich hier zusĂ€tzlich auch durch die zunehmende Einbeziehung technischer Accessoires in die plastische Ikonografie, die ein ganz eigenes Feld fĂŒr die ErzĂ€hlstruktur eröffnet.

Abwehr ist auch die erste von insgesamt sieben ganz unterschiedlichen Brunnenplastiken von Oswald Hiery im öffentlichen Raum. In chronologischer Reihenfolge sind das: Abwehr (1963); BrunnenBaum (1966); Brunnen (1966); Kohle & Stahl (1980); BrunnenPflanze (1983); Die Saar und ihre Kinder (1991); Die BĂŒrger von Riegelsberg (1995).

  1. Brunnenbecken und Pumpe sind zum Zeitpunkt der Aufnahmen im Jahre 2017 nicht funktionsbereit. Deshalb ist kein Foto des Brunnens in Aktion vorhanden. Der Strahl der SpritzdĂŒse trifft dreistrahlig auf die gesamte Abwehrschale. Vgl. dazu das Foto in: Kunst im öffentlichen Raum Saarland, Band 3: Landkreis Saarlouis nach 1945. AufsĂ€tze und Bestandsaufnahme, hg. von Jo Enzweiler unter Mitarbeit von Oranna Dimming, Claudia Maas, Institut fĂŒr aktuelle Kunst im Saarland an der Hochschule der Bildenden KĂŒnste Saar, SaarbrĂŒcken 2009, 293
  2. Kunst im öffentlichen Raum Saarland, Band 3, a.a.O, 293
  3. neben Hasengruppen, dem Portal der Kirche St. Maria und dem Ehrenmal, alle in Ensdorf, alle aus dem Jahre 1959
  4. siehe Werkbiografie
  5. Allerdings auch sie noch mit floralen Resten, vgl. Werke